Montag, 30. März 2009

Erinnerungsräume am 24. April 2009

9783861571100_innenansicht_1Wenn Sie sich erinnern, welche Räume öffnen sich? Inneres oder Äußeres? Parks oder Seelenlabyrinthe, Akademien oder Kindheitswelten?
Haben Erinnerungen ein festes Gepäck, einen bestimmten Klang, unaustauschbare Hauptfiguren ... - je nachdem, wo sie entstanden?
Am 24. April zeigen die 4 Autoren Axel Bagatsch, Maik Lippert, Sabine Schönfeldt und Olaf Trunschke in ihren Texten 4 verschiedene Zugänge zum Thema "Erinnerung".

Achtung! Achtung! Achtung! Achtung! Achtung!
Der Mittenwalder Salon findet diesmal in der Mittenwalder Straße 53, 10961 Berlin, Vorderhaus, 4. Stock statt.
Einlass: 20 Uhr,
Beginn der Lesung: 20 Uhr 30

Musik: Darren McCarthy (Kontrabass) und Sam Hudson (Saxophon)

Montag, 11. Februar 2008

Ins Offene - Nachbetrachtung zum Salon am 8.2.08

Thomas-Harlan

Nach dem Salonabend saßen Christoph Hübner, der Regisseur des Films, Tina Bara, Fotografin und Sabine Schönfeldt noch in der Kneipe nebenan (vermutlich Wiesenstraße 61) und resümierten den Abend. Der Qualm stand im Raum, die wenigen Gäste sahen zwar schon ziemlich mitgenommen, aber nicht, wie so oft, abstoßend und aggressiv aus. Der Wirt, ein Iraner, legte irgendwann Chopin auf, seine Rausschmeißermusik, und erwies sich bei weiteren Nachfragen zu seiner Person als ausgezeichneter Kenner der Berliner Kunst- und Musikszene. Ein zweiter Salon mit weniger Publikum als der erste, der Mittenwalder Salon, der an diesem Abend etwa 25 Gäste versammelte.
In der Kneipe sprachen wir darüber, dass man den Film anders verkaufen müsste als er gemeinhin verkauft wird: Thomas Harlan - Sohn von Jud-süß-Regisseur Veit Har... und so weiter. Das Problem ist vermutlich, dass die Masse Thomas Harlan (Foto) nicht kennt und dass Themen im Nahbereich nationalsozialistischer Vergangenheit nur mit schwerem Geschütz (Stars oder Sensationen) Anziehungskräfte entfalten können.
Die Erfahrung mit dem Film zeige aber, so Chripstoph Hübner, dass die Leute, die den Film gesehen haben, sehr begeistert, angerührt und angefüllt seien, aber nie, wenn ihnen nicht jemand den Film persönlich empfohlen hätte, selbst auf die Idee gekommen wären, ihn zu sehen. Kürzlich gewann der Film einen Publikumspreis in Würzburg. Und auch auf dem Mittenwalder Salon waren die, denen der Name Harlan vorher nichts gesagt hatte, sehr überrascht von seiner Wirkung. Herauszufinden, was es ist, was diesen Film zu sehen so lohnenswert macht, ist eine interessante Aufgabe. Denn dieses Etwas hat vermutlich nur mittelbar mit der Person Thomas Harlan und auch nur mittelbar mit Nationalsozialismus zu tun. Vielleicht entspringt die inspirierende Kraft dem Umstand, dass man einem Film und einer Person dabei zusehen und zuhören kann, wie das im Leben Unbeabsichtigte eine Persönlichkeit hat hervortreten lassen, die sehr gut damit leben kann, ihr Ich im Bereich des Unwichtigen zu wissen und zu wünschen und aber gerade darüber etwas entstehen zu lassen, das nur mit einem solchen Ich sichtbar werden, Spuren hinterlassen kann. Vielleicht ist das ja nichts anderes als das, was Buddhisten lehren: Vergiss dein Ich und das Leben wird sich zeigen. Im Fall von Thomas Harlan ist da etwas zusammen gefallen, was auch ganze andere Entwicklungen denkbar macht:
"Ich bin der Sohn meiner Eltern. Das ist eine Katastrophe. Das hat mich bestimmt. Bis 1945 war das ein Glücksfall." hat er im Gespräch mit Jean-Pierre Stephan (Jean-Pierre Stephan, "Thomas Harlan - Das Gesicht deines Feindes", Eichborn Berlin 2007) gesagt.
Das Ich ist in einer ganz anderen Weise gefordert als es das Ich eines Sohns unbekannter, nicht schuldiger Eltern wäre. Die Katastrophe erweist sich heute, von hinten aufgerollt, als wiederum gewendeter Glücksfall, als etwas, woraus etwas geworden ist: nicht "nur" die Literatur, die Sprache Harlans, gesättigt von Geschichte, sondern gerade, dass jemand mit einem solchen biografischen Hintergrund, es vermag, ein immer unpersönlicher werdender Zeuge von (Nachkriegs-)-Geschichte zu werden und auf diese Weise "Lust auf den Umgang mit Wahrheit" zu machen.
Wahrheit und Interesse sind von ihrer Natur her nur mit Vorsicht vereinbar. Ein interesseloses Gucken, Erkennen kommt ihr vielleicht am nächsten, eines, das nicht voreingenommen ist. So ist wahrscheinlich auch zu erklären, warum eine Szene des Films, jene, in der Harlan von einem Abendessen bei Hitler erzählt, immer wieder hervorgehoben wird, nicht, weil sie sensationell wäre, weil sie von Hitler handelt, sondern weil Thomas Harlan sich mit seiner Erzählung jenseits von gängigen Denkmustern bewegt, weil die Erzählung der Zeugenschaft eines Kindes entspringt, das nichts von Gut und Böse weiß und vermutlich deshalb sehr viel von der Wirkung Hitlers wahr genommen hat. Sicherlich wäre es falsch zu behaupten, Thomas Harlan sei ein interesseloser Mensch, ganz im Gegenteil scheint er hochinteressiert gerade am "4. Reich" (so der Titel eines Buchprojektes, das er aber aufgeben sollte) zu sein, jenem Reich, das sich stillschweigend im Nachkriegsdeutschland aus denselben Leute speiste, die auch schon im Kriegsdeutschland Macht inne hatten. Aber das Interesse war nicht mit einem vorab schon feststehenden Ziel verbunden, entstand vielmehr aus zufälligen Entdeckungen in schlecht geordneten polnischen Archiven, entwickelte sich zu einer Leidenschaft, die den Tätern immer näher kam, bis kaum noch Unterschiede zwischen Harlan, dem Entdecker und den Tätern bestand, brach ab, weil die durch die Beschäftigung erzeugte Nähe zu den Tätern einen „unendlichen Ekel vor sich selbst“ zur Folge hatte, um schließlich auf andere Weise, vielleicht souveräner und Jahre später von den Tätern erzählen zu können.
Einen interesselosen Zeugen kann man Harlan insofern nennen, als er ins Offene (ein Begriff Hübners) lebt, Absichten, wie er im Film erzählt, zwar gehabt habe, aber nie hätte verfolgen können, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht verfolgbar waren, Unfälle und Zufälle führten in andere Richtungen, eben in die Richtung des Offenen. Am Anfang des Films steht denn auch die Erzählung Harlans, in der er in einem sowjetischen Hotel auf eine Tür stößt, die angelehnt ist und den Weg zu einer Busfahrt ins Unbekannte ebnet, wo ein Russe Harlan in seine Wohnung zieht, ihm einen Koffer zeigt, in dem sich Berliner Zeitungen aus dem Jahre 1929 befinden und ihn wieder verabschiedet. Die Begegnung verlief nahezu stumm, schuf den namenlosen Zeugen einer namenlosen Existenz.
Das Interesselose, ins Offene Gesehene ist auch Kennzeichen der Arbeit Christoph Hübners (Regie) und Gabriele Voss’ (Montage, von ihr erschien das sehr empfehlenswerte Buch "Schnitte in Raum und Zeit", Verlag Vorwerk 8).
Typisch für ihre Arbeiten ist das Warten, das Warten auf die Momente, wo Fragen (im Portraitierten) entstehen, die man vorher nicht weiß, die man nicht vorbereiten kann, die aufkommen. Hier vermute ich die Entstehung der Wirkung, die der Film für viele hat: Eine Lust mit Wahrheit umzugehen, sei sie wie sie sei. Sie wird gewinnbringend sein. Darin haben sich Hübner und Harlan getroffen, im Offenen.
Ins Offene geriet auch der Salon. Das Gespräch war anregend. Im Nachhinein denke ich, es hätte mehr Informationen vorab geben müssen, die Absicht war da, wurde durchkreuzt von nicht planbaren Unfällen. Gerne würde ich diesen Salon einfach nochmal stattfinden lassen.

Dienstag, 22. Januar 2008

Ganz Russland hinkt – Einladung zum 6. Mittenwalder Salon am 8.2.2008

harlanfenster

Ein krankenhausähnlicher Gang, der Blick aus einem Fenster: eine
chinesisch anmutende Berglandschaft. Dazu ein regelmäßiges, angestrengtes, leicht pfeifendes Atemgeräusch, dezent, nicht aufdringlich. „Hitler hätte mich sehen können“, sagt die Stimme Thomas Harlans, Sohn des „Jud Süß“-Regisseurs, Veit Harlan. Das Sanatorium, in dem Thomas Harlan lebt, liegt gegenüber vom Obersalzberg. Was hätte Hitler sehen oder auch hören können? Bevor eine Antwort kommt, wird die Sprache sich selbst zuvorkommen: „Eine Sprache ist in der Lage, eine
Kathedrale darzustellen und da ist natürlich jeder Fehler die Voraussetzung für eine Einsturzgefahr“, sagt Harlan. Sein Atem pfeift, der Berg ruht. „Ein Wort folgt dem anderen. Sprache ist ja so was Selbständiges. Etwas sagen zu wollen ist ja so ein Missbrauch, dass es die Sprache gar nicht mehr gibt. Die will. Unter bestimmten Voraussetzungen geht’s dann los.“ Pfeifen, Ruhe. Dann geht’s los. Mit einer Erzählung, in der ganz Russland hinken wird und das Ich verschwindet.

Das ist der Beginn des Films „Thomas Harlan – Wandersplitter“ von Christoph Hübner (Regie & Kamera) und Gabriele Voss (Montage), ein Beginn, der im Nachhinein wie ein Plan erscheinen wird, den Zuschauer mit Sprache, Atmung, Ruhe, mit Erzählungen und Verweilen in den Bann zu ziehen, vorab schon um Freispruch bittend, denn ein Ich gibt es nicht. Das Ich wird in der Erzählung überflüssig, die Erzählung dafür um so wichtiger. Und tatsächlich scheint es so, als ob nicht nur Harlan, sondern eine ganze Generation von ihrer unerhörten Erfahrung erzählt.

Der Mittenwalder Salon zeigt den Film und lädt zum Gespräch mit dem Regisseur ein. Außerdem werden Passagen aus Thomas Harlans „Die Stadt Ys“ (Eichborn Verlag) zu hören sein.

Mittenwalder Salon, Wiesenstraße 62, 3. Hof, Aufgang 5, Berlin-Wedding, S-Bahn Humboldthain.
Einlass: 20:00 Uhr, Beginn: 20:30, Eintritt: 5,- Euro, erm.: 3,- Euro

Donnerstag, 10. Januar 2008

Jenseits des Richtens

Foucault-1

Ich habe eine gräßliche Angewohnheit. Wenn die Leute so daherreden, versuche ich mir vorzustellen, was das, umgeschrieben in die Realität, ergäbe. Wenn sie irgendeinen "kritisieren", wenn sie vor seinen Ideen "warnen", wenn sie "verurteilen", was er schreibt, stelle ich sie mir in der idealen Situation vor, dass sie alle Macht über ihn hätten. Die Wörter, die sie benutzen, lasse ich ihren Lauf zurück in einen ursprünglichen Sinn nehmen: "zerstören", "schlachten", "zum Schweigen bringen", "begraben". Und ich sehe den strahlenden Staat am Horizont, in dem der Intellektuelle im Gefängnis säße und natürlich aufgehängt würde, wenn er außerdem noch Theoretiker ist.

Foucault-2



Jenseits des Richtens, das wahrscheinlich eines der einfachsten Dinge ist, wozu die Menschheit imstande ist, ein Gespräch über Geschriebenes, über Kunst zu führen, gehört nicht zu den einfachsten Dingen, ist nicht besonders populär und verbreitet und im großen Kreis auch kaum umsetzbar. Dennoch hat sich der Mittenwalder Salon genau diesem Ziel verschrieben: eine Kritik zu üben, die nicht richtet, sondern einem Werk, einem Buch, einem Satz, einer Idee zur Wirklichkeit verhilft, die nicht Urteil auf Urteil anhäuft, sondern möglichst viele Existenzzeichen sammelt; sie würde sie herbeirufen, sie aus ihrem Schlaf rütteln.

Foucault-3

Zitiert wird hier die Passage eines Interviews mit einem sehr bekannten Philosophen, der - für dieses Interview - anonym bleiben wollte, aus Sehnsucht nach der Zeit, in der - da ich völlig unbekannt war - das, was ich sagte, einige Chance hatte, Gehör zu finden.
Die Maske der Anonymität erlaubte dem Philosophen, sich unters Volk zu mischen, mich direkter an den eventuellen Leser zu wenden, an die einzige Person, die mich interessiert: "Da du nicht weißt, wer ich bin, bist du nicht der Versuchung ausgesetzt, nach den Gründen zu suchen, warum ich sage, was ich sage, was Du liest; nimm Dir die Freiheit, Dir ganz einfach zu sagen: das ist wahr, das ist falsch. Das gefällt mir, das gefällt mir nicht. Punkt, Schluß."

Foucault-4

Würde der Philosoph noch leben, der Mittenwalder Salon würde ihn auf der Stelle einladen, und käme er als ein Maskierter! So aber können wir uns nur noch sein Credo auf die Fahnen schreiben, zur freien Rede und verlebendigenden Kritik einladen, auf dem nächsten Salon, der in Bälde seine Pforten öffnet und sich freut, das Gespräch mit Ihnen, verehrtes Publikum, wieder aufzunehmen. Wann genau das sein wird, wird dieser Tage hier bekannt gegeben.

Foucault-5

Bis dahin wünschen wir Ihnen Gedanken jenseits des Richtens, wo man das Gras wachsen sehen, dem Winde zuhören und den Schaum im Flug auffangen und wirbeln lassen kann.

Geheimnisvoll & voller Tatendrang

Foucault-6

Ihr Mittenwalder Salon im Januar 2008

Sonntag, 5. November 2006

Nachlese zum Mittenwalder Salon am 22.9.2006

Salonfoto-Glaeser Der Mittenwalder Salon stellte am 22.9.2006 zwei Lyrikerinnen (Sonia Solarte und Vera Schindler-Wunderlich) und eine Prosaistin (Katharina Tabata Lippert) vor. "Beeindruckend" war einer der häufigsten Kommentare zur Lesung, die Vera Schindler-Wunderlich eröffnete. Rhythmisch durchkomponiert irren ihre Gedichte wie ein Rap in einer ihm fremden Welt durch die Tagesabschnitte eines Büro- und Parlamentsalltags, in dem Wörter wie "hinlänglich", "Teilprojekt", "Antrag", "Stellen", "Konzept" oder "Amt" ihre ganze, sonst immer sträflich übersehene Kraft und Schönheit entfalten dürfen. Gerade die diesen Wörtern gerne unterstellte Humorlosigkeit kombiniert mit einem atemschnellen, die Wörter wieder in die Flucht schlagenden Rhythmus stimmt verdächtig heiter – verdächtig, weil nichts Heiteres verhandelt wird unter den Wörtern, nichts Geringeres nämlich als beispielsweise „unsere Stellen“ – hier nachzulesen unter „Texte“. Das Publikum geht mit, hält den Atem an, lacht, ohne Zeit zu haben, sich zu fragen, warum, denn schon unterwirft sich das nächste „Protokoll“, der nächste „Amtsplan“dem zwingenden Metrum lyrischer Sprache, bis diese am „Maiabend“ endlich ein wenig zur Ruhe kommt. Pause. Musik vom DuoKlangart (Cornelia Bernadette Burdack & Pauline Jaroszewski), dessen Stückauswahl (Poulenc, Sonata for Piano Four Hands, Prelude, Rustique, Finale) ebenfalls dem Rhythmus und der Metrik der Textur folgt. Pause.

Prosa. Katharina Tabata Lipperts Roman „Wer/Wen“ kommt staubtrocken daher, wie das Schulterzucken eines weiblichen Subjekts deutsch-deutscher Geschichte, kein ahnungsloses, aber doch ein unbeteiligt-beteiligtes Schulterzucken, das bereit ist, dem versprochenen Glück welcher Ideologie auch immer wenigstens nicht im Wege zu stehen. So geschieht’s, als die Freundin der Protagonisten für dieselbige einen Partner sucht, per Kontaktanzeige. Historisch befinden wir uns im Vorwende/Nachwende-Ost-Berlin. Die Zuschriften, die die Protagonistin erhält, offenbaren in grotesker Weise die Selbst-Ideale der männlichen Bewerber. Schulterzucken: Man muss nehmen, was man kriegen kann, oder? Das Publikum lacht, ist still, horcht auf… Eine der wichtigsten Fragen später, im Salongespräch, wird sein, was nun mit dem unveröffentlichten Manuskript geschieht. Aber erst einmal Musik (Fauré, Dolly, Suite pour 4 Piano, op. 56, Kitty, Mi-a-ou).

Und dann Sonia Solarte. Sie hat sich vorgenommen, ihr erstes Gedicht zu singen, was sie auch tut. Auf Spanisch. Solo. Ihre Stimme erzählt auch ohne, dass man die Worte verstünde, genug, erzeugt die Illusion einer Weltenstille, eines allumfassenden Innehaltens und Schweigens, in dem nur ein einziges Lied zu hören ist, eine einsame Melodie, deren Existenz alleine schon ausreicht, die Toten zu besänftigen. Vielleicht ist das nicht nur Sonia Solarte, sondern auch der seltenen Gelegenheit zu verdanken, eine frei singende Stimme ohne jede Verstärkung oder Begleitung zu hören. Was Gesang kann! Die folgenden Gedichte werden in spanisch und dann in deutscher Übersetzung vorgetragen. Ihre Welten sind papieren, so jedenfalls suggeriert es der Titel ihrer Sammlung, der „Papierwelten“ heißt. Papieren sind sie, weil die ersehnte Welt noch nicht existiert. Trotzdem: Ein Drang zur Freude ist da, wie es in einem der Gedichte heißt, seltsam, woher er kommt, aufregend, wohin er geht. „Ich komme wieder demnächst“, verspricht das lyrische Ich, „mit Liedern ohne Mauern“. Werden sie noch besser sein als die ummauerten? Musik (Fauré, Suite, Le Jardin de Dolly, de Falla, Danse Espagnole).

Erst nach dem Gespräch komme ich auf die Idee: Ich hätte Brechts Ausspruch vom Glück, in zwei Diktaturen gelebt zu haben, in die Runde werfen können. Das dichterische Glück, verboten zu sein. Im Gespräch selbst geht es um die politische Situation in Kolumbien, der Heimat Solartes, um den Hintergrund der Gedichte näher kennenzulernen. Wie es sich im Exil lebe, ist eine Frage an Solarte. Schwierig ist ihre Antwort. Ob aber die Fremde nicht auch dazu inspiriere, die eigene Heimat aus anderer Perspektive kennenzulernen. Solarte überlegt. Die Frage nach der Politik lenkt das Gespräch in die falsche Richtung, droht es in die Betroffenheitssackgasse zu drängen, was Esther Andradi (Autorin u. a. von „Über Lebende“, Miniaturen, teamart Verlag) offenbar dazu ermuntert, die Sprachmacht der Gedichte Solartes dem sinnreduzierenden Zugriff aufs Politische zu entziehen, sie in die barocke Tradition spanischsprachiger Lyrik einzuordnen und im selben Atemzug zu fragen, welche Wurzeln die Lyrik Schindler-Wunderlichs habe, so etwas kenne sie nur aus der „argentinischen Bürolyrik“! Schindler-Wunderlich erzählt in pointierter, ja fast dichtender Weise: von ihrer Leidenschaft für alles, was lyrisch springt und tanzt (sie erwähnt als Favoriten den englischen Dichter Gerard Manley Hopkins) und von ihrem Entzücken über das Potential eines eigentlich „unpoetischen“ Wortschatzes, wie sie ihn auf einer Verwaltungsstelle entdeckte. Diese Vorliebe brachte sie mit einem berndeutschen Gedicht von Kurt Marti auf den Punkt, das hier allerdings übesetzt werden soll:

hommage à rabelais

die schönheit
der wüsten wörter
ist ein brunnen
in der wüste
der schönen wörter

Über Lyrik zu sprechen, ist eine Kunst für sich. Insbesondere, wenn die Gedichte nur gehört und nicht gelesen werden konnten. Was bleibt, ist flüchtig, lautet ein Paradoxon Heiner Müllers, das mir zur auditiven Rezeption von Lyrik durch den Sinn schießt.
Aber über Prosa kann man sprechen. Über „Wer/Wen“. Was der Titel denn bedeute ist eine Frage an Katharina Tabata Lippert. Wer wen beobachte, ist ihre Antwort. Wo die Unterschiede zu sehen seien zwischen einer ost- und einer westdeutschen Heldin, ob es überhaupt welche gebe, ist eine weitere Frage. Gerade der Umstand, dass Lippert nicht nur die Unterschiede auf Teufel komme raus betont, sondern die Gemeinsamkeiten individuellen Erlebens in DDR und BRD, zulässt, macht diese Geschichte interessant und trotz ihrer Einbettung in historische Umbrüche zeitlos, denke ich im Taxi auf der Rückfahrt. Der Mauerfall beispielsweise taucht an den Wahrnehmungsrändern auf, wie ein zu lautes Gedröhn, das einem die Sinne rauben will, aber nicht kann.

Und was geschieht denn nun mit „Wer/Wen?“. Das Manuskript ist schon durch die Werkstatt des LCB (Literarisches Colloquium Berlin) gegangen und hat auf dem Tisch verschiedener Verlage gelegen. Die Lektoren zeigen sich interessiert, unterstellen aber der potentiellen Leserschaft ein mangelndes Interesse an „DDR-Geschichten“. Der Bedarf an diesem Thema sei gesättigt. Das Salonpublikum ist empört, empfiehlt Lippert, keinesfalls aufzugeben, ihre Geschichte sei außerordentlich interessant, spannend und unterhaltsam. Vielleicht, denke ich, sähe der Büchermarkt ganz anders aus, wenn die unveröffentlichten Manuskripte erst einem Publikum vorgestellt würden, bevor sie der Entscheidung vermeintlich marktorientierter Verlage unterworfen werden? Vielleicht auch nicht. Wie auch immer: „Wer/Wen“ jedenfalls wäre schon längst veröffentlicht!
Alle vorgestellten Texte sind wie immer hier nachzulesen. Und wenn Sie, verehrter Leser, noch etwas dazu sagen möchten, im späten Nachhinein, so fühlen Sie sich dazu herzlichst eingeladen vom

Mittenwalder Salon
Sabine Schönfeldt
Christian Keil

Dienstag, 5. September 2006

Mittenwalder Salon am 22.9.2006, Thema: Fremde

Katharina-Tabata-Lippert

Wo läßt sich noch Fremde erobern? Wo ist sie zuhause?

Sonia Solarte, die mit dem Antonio Machado-Preis für Poesie ausgezeichnete kolumbianische Lyrikerin findet sie in einer „Papierwelt“ („Mundo Papel – Papierwelt“, Edition Milo) wieder, deren dunkle Seiten von der Sehnsucht nach einer anderen Welt künden.

Vera Schindler-Wunderlich, Nachwuchsautorin aus der Schweiz, entdeckt sie in den sprachlichen Abgründen eines leidenschaftlich geliebten Bürokratismus, der, unter der lyrischen Lupe betrachtet, nicht einer gewissen Komik entbehrt.

Katharina Lippert (Foto), LCB-Stipendiatin und Open-Mike-Teilnehmerin, schließlich lockt sie in einem Roman ("Wer/Wen") über eine junge Frau im Nachwende-Berlin hervor, der so nüchtern und lakonisch ausfällt, dass man meinen könnte, erst im Einanderfremdsein finde die zwischenmenschliche Beziehung ihre endgültige Bestimmung.

Musik: Duo Klangart: Cornelia Bernadette Burdack & Pauline Jaroszewski

Mittenwalder Salon, Wiesenstraße 62, 3. Hof, Aufgang 5, Berlin-Wedding, S-Bahn Humboldthain.
Einlass: 19:30 Uhr, Beginn der Lesung: 20:00, Eintritt: 5,-

Mittwoch, 16. August 2006

Terminänderung

Bitte beachten Sie den geänderten Veranstaltungstermin!

Der nächste Mittenwalder Salon findet am Freitag, den 22.09.2006 und nicht, wie ursprünglich angekündigt, im August statt.

Veranstaltungsbeginn ist wie gewohnt um 20.00h in der Tangoloft Berlin, Wiesenstr. 62, 13357 Berlin (S-Bhf. Humboldthain)

Mittwoch, 31. Mai 2006

Thema und Teilnahmebedingungen des kommenden Salons am 22.09.2006

Das Thema des nächsten Salons steht fest, es heißt „Fremde“.
Teilnehmen sollen und können Autoren, die das Schreiben beruflich betreiben oder betreiben wollen. Das Konzept ist, sowohl bekannte, bereits veröffentlichende und unbekannte Autoren vorzustellen, die auf dem Weg zur Veröffentlichung sind. Der Mittenwalder Literatursalon möchte sie fördern.
Die Texte sind jeweils bis 6 Wochen vor dem nächsten Salon per Mail oder Post einzureichen bei: MittenwalderSalon@web.de, oder: Mittenwalder Literatursalon, Schönfeldt & Keil, Mittenwalder Straße 53, 10961 Berlin.
Einsendeschluss ist der 14.6.2006

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